Bericht DHV und Zuchtwartetagung 2019

 

 

 

 

 

 

Zusammenfassung des Vortrages bei der SVÖ-Zuchtwartetagung von Dr. Prof. Udo Gansloßer

Das erste Lebensjahr beim Hund, die Einflüsse auf Persönlichkeit und Arbeitsbereitschaft

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Im ersten Lebensjahr eines Junghundes werden eine ganze Menge Weichen für seine spätere Arbeitsfähigkeit und Sozialkompetenz gestellt. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Erblichkeit von Verhaltenseigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen lassen vergleichsweise geringe Werte erkennen, insbesondere im Vergleich zu den Erblichkeiten für körperbauliche Eigenschaften. So liegt in den meisten, dafür bereits ausführlich untersuchten Hunderassen die Erblichkeit für Grundpersönlichkeitsmerkmale zwischen 20% und 30%, die Erblichkeit für einzelne Verhaltensweisen oder Elemente, beispielsweise des Beutefangverhaltens, oftmals bei unter 15%, sogar bei unter 10%.

Im Umkehrschluss bedeutet dies selbstverständlich, dass die Einflüsse von Umwelt, Sozialisierung, aber auch des Zufalls, in diesen Fällen besonders wichtig sind. Hier liegt eine gemeinsame Verantwortung für Züchter, Trainer, Ausbilder und Hundehalter.

Gerade die ersten drei Lebenswochen sind, wie beispielsweise Erkenntnisse an Deutschen Schäferhunden aus der Schwedischen Militärdiensthundezucht zeigen, formend und geradezu programmierend für die spätere Arbeitsbereitschaft. So konnte eine Untersuchung des mütterlichen Verhaltens bei der Welpenbetreuung in den ersten drei Lebenswochen wichtige statistische Zusammenhänge aufdecken: Je intensiver sich die Mutterhündin in den ersten drei Lebenswochen mit ihren Welpen beschäftigt hat, desto erfolgreicher waren diese Hunde im Alter von 18 Monaten bei der Einstellungsprüfung für die Militärdiensthundeausbildung. Drei Eigenschaften waren es vorwiegend, die direkte Zusammenhänge mit dem mütterlichen Pflegeverhalten aufweisen: Die Einsatz- und Leistungsbereitschaft im körperlichen Bereich, die Fähigkeit zur Kommunikation und Zusammenarbeit mit dem Hundeführer/in, und die Kontrollierbarkeit des Aggressionsverhaltens.

Auch im Bereich des Persönlichkeitsfaktors Geselligkeit mit Artgenossen lassen sich bereits seit etlichen Jahrzehnten Studien zitieren die wichtige Einflüsse des Verhaltens und der sozialen Umgebung im dritten und vierten Lebensmonat darlegen. Welpen, die in dieser Zeit mit ihren Wurfgeschwistern und einem älteren beziehungsweise erwachsenen oder jung erwachsenen Babysitter viel Zeit verbringen, spielen, dabei aber auch Sozialverhalten einüben können, werden auf der Persönlichkeitsachse Geselligkeit mit Artgenossen mit viel höheren Punkten belegt als Welpen, die in dieser Zeit überwiegend alleine sind, oder kaum Kontakte mit Artgenossen haben.

Gerade im Zusammenhang mit den immer wieder aufflammenden Diskussionen über die richtigen Abgabezeitalter ist diese Erkenntnis ausgesprochen wichtig. Vor allem ist hierbei zu berücksichtigen, dass der Mensch in diesem Alter eines Hundewelpen noch eine allgemein sozial attraktive Figur darstellt, eine spezielle Bindung an einen individuellen Menschen wird erst ab dem Alter von 14 bis 15 Wochen ausgebildet. Dies betrifft ausdrücklich nicht den Züchter/in, der die Rolle eines verständnisvollen Großelters für die Nachkommen seiner minderjährigen Tochter einnehmen würde. Andere Menschen dagegen sind für Junghunde im Alter unter dreieinhalb bis vier Monaten allgemein sozial attraktiv, ohne individuellen Hauptbezug. Das bedeutet, dass die Abgabe der Junghunde auch durchaus auf einen Zeitraum oberhalb der 8. bis 9. Woche verschoben werden kann, um einen optimalen Kompromiss vor dem Einsetzen der Fremdelreaktion (mit ca. 14 Wochen) zu finden, der trotzdem die sozialisierenden Einflüsse der Wurfgeschwister und Babysitter berücksichtigt. Voraussetzung dafür ist allerdings, das die Zuchtstätte eben auch Babysitter hat, was wegen der sich immer mehr zurückziehenden Mutterhündin ja als erziehungsberechtigte Helfer auch dringend erforderlich wäre.

Ebenso wichtig wäre zu berücksichtigen, dass Persönlichkeitstests für Hunde, sei es über Fragebögen, spezielle Verhaltenstest, oder auch eine Kombination mehrerer Methoden nach allen einschlägigen Untersuchungen frühestens im Alter von 18 bis 20 Monaten wirklich zuverlässige, wiederholbare, und damit zukunftsträchtige Ergebnisse liefern. Ein Verhaltenstest vor diesem Alter ist eine Momentaufnahme, die keinerlei Hinweis auf das zukünftige Verhalten dieses Hundes liefern muss.

Verhaltenstest sollten auch nach allen einschlägigen Untersuchungen, gerade wenn es um die Eignung für besondere Dienst- , Arbeits- oder andere Spezialausbildungen geht, ebenso aber für die Alltagstauglichkeit des Familienhundes, möglichst alltagsnahe, und damit auch wiederholbare Testsituationen stellen. Je einmaliger die Testsituation ist, der der Hund ausgesetzt wird, desto geringer ist die Aussagekraft für seine allgemeine Eignungsprüfung. Auch das wurde in Vergleichsstudien in verschiedenen Ländern dargelegt.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass ein Verhaltenstest, sei er für die Zuchtzulassung oder für die Eignungsprüfung spezieller Arbeitsausbildungen, möglichst spät im Leben der Hunde angesetzt werden sollte. Das erste Lebensjahr des Hundes sollte überwiegend der allgemeine Erziehung dienen, wobei hier weniger auf das möglichst schnelle und perfekte Beherrschen von Kommandos, sondern auf Sozialkompetenz, Umweltsicherheit, und Kooperationsbereitschaft mit dem Menschen einerseits, und auf das wirklich genießerische Nichtstun als höchstes Ziel hundlichen Leben andererseits abgehoben werden sollte. Hunde, die im ersten Lebensjahr das Nichtstun als erstrebenswerten Teil ihres Alltagslebens erleben und genießen durften, können im zweiten und dritten Lebensjahr dann auch bei speziellen Ausbildungen punktuelle Höchstleistungen bringen, ohne in eine Suchtgefahr zu verfallen.

Gerade in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres ist vor allem ein gut gestaltetes, kompetentes und wohlmeinendes soziales Umfeld wie ein Beziehungsgeflecht mit Menschen („Nestwärme“) erforderlich. Dies ist der beste Vorbeugungsfaktor gegen spätere Suchtgefahren, Aggressionsprobleme, und andere unerwünschte Verhaltensauffälligkeiten.

Aus diesen Erkenntnissen heraus wird derzeit in Zusammenarbeit mit dem Deutschen SV das Programm Schäferhund 365 in Gang gesetzt. Hier handelt es sich um ein Programm der Welpen- und Junghunderziehung, jenseits von „Sitz – Platz – Fuß“, und hin zu einer Kooperationsbereitschaft, Verständigungsbereitschaft und Bindungsbereitschaft zum Menschen, sowie zu einer stabilen und erkundungsfreudigen, aber nicht besonders stressanfälligen Grundtendenz gegenüber Umweltreizen. Das Programm wird durch eine Doktorandin wissenschaftlich begleitet und ausgewertet, die Durchführung obliegt den ausgewählten Ortsgruppen des SV. Als zweites Ziel neben der Entwicklung des genannten Welpen- Junghundprojekts steht beim Programm 365 noch eine bessere Bindung der Junghundhalter/innen, die oft auch Neumitglieder in den Ortsgruppen sind, an ihre Verbandskörperschaften und damit eine Bekämpfung des Mitgliederschwundes beziehungsweise der Tendenz zum baldigen Wiederaustritt aus dem Verband im Zentrum.

Literatur:
Gansloßer, U & B Hinte-Breindl (2018): Welpenerziehung jenseits von Sitz, Platz und Bleib. Filander Verlag Fürth

Gansloßer, U & P Krivy (2015): Ein guter Start ins Hundeleben. Müller-Rüschlikon, Stuttgart

Die Studie führen folgend Doktarandinnen durch:

Kristin Lorenz
Johanna Bergeest


Um Ergebnisse von Studien veröffentlichen zu können, werden im Vorfeld natürlich auch immer Probanden gesucht die bereit sind, sich an solchen Studien zu beteiligen.

Im aktuellen Fall können sich Züchter beteiligen.

Seitens des SVÖ würden wir eine Beteiligung unserer Züchter an diesen Untersuchungen sehr begrüßen !!